Besuch beim Bund der Vertriebenen am Weltflüchtlingstag

27.6.2018: Vergangene Woche durfte ich am Weltflüchtlingstag beim Bund der Vertriebenen in Bad Saulgau sein. Herzlichen Dank an der Stelle an Herrn Rössler vom Bund der Vertriebenen für die Einladung und  für den herzlichen Empfang. Herr Rössler machte eine großartige Einführung über den Tag der Flüchtlinge und spannte dabei auch den Bogen über die Flüchtlingswellen von heute und sich mit ganzer Überzeugung für eine menschliche Flüchtlingspolitik im Rahmen Europas ausgesprochen.  Mein Ansatz einer guten und sinnvollen Erinnerungsarbeit, die nur in einem offenen europäischen Rahmen in Sicherheit, Frieden, Freiheit und Toleranz gelebt werden kann und dass jeder Mensch Heimat braucht (vergleiche meine Rede unten), traf auf Zustimmung.

Für Interessierte habe ich hier meinen Redebeitrag zum Nachlesen:

„Sehr geehrter Herr Rössler, meine sehr geehrten Damen und Herren, ich freue mich sehr, dass ich heute bei Ihnen ein Grußwort halten darf, Das erscheint mir besonders zum heutigen Tag des Flüchtlings ein guter Beitrag zu sein, aber das Thema der Heimatvertriebenen betrifft mich auch persönlich, da meine Eltern, beziehungsweise meine Mutter (Jahrgang 1922) auch aus Schlesien, aus Breslau, vertrieben wurde.

Mit ihrer Mutter, ihren kleineren Geschwistern und ihrem Baby hat sie diese beschwerliche Flucht auf sich genommen, zuerst nach Jena, und dann über Kornwestheim nach Zuffenhausen, wo ich dann seit 1955 An unserer Familiengeschichte beteiligt war. Meine älteste Schwester hat diese Flucht allerdings nicht überlebt, und nur sehr selten hat meine Mutter von diesen schweren und traumatisierenden Erlebnissen erzählt.

Mein Vater hat die Kriegsjahre in Norwegen verbracht, war anschließend in französische Kriegsgefangenschaft und traf Ende der vierziger Jahre wieder auf die Familie. Er wollte von Krieg nichts mehr wissen und setzte all seine Zukunftshoffnungen auf Europa, was dazu führte, dass ich schon als Kleinkind mit VW Käfer und Zelt Österreich Italien Frankreich auf manchmal abenteuerliche Weise bereisen durfte. Auch ihm war es wichtig, (wie sie es in ihrer Charta der deutschen Heimatvertriebenen beschreiben) auf Rache und Vergeltung zu verzichten und mit allen Kräften an einer Schaffung eines geeinten Europas zu arbeiten, in dem die Völker ohne Furcht und Zwang leben können.

In diesem Geiste bin auch ich groß geworden. Sie beschreiben das in ihrer Charta so wunderbar: (Zitat) dieser Entschluss ist uns ernst und heilig, im Gedenken an das unendliche Leid, welches im Besonderen das letzte Jahrzehnt über die Menschheit gebracht hat. Dieses Bewusstsein hat uns und Ihnen die Kraft und die Fähigkeit gegeben, Deutschland und Europa wieder aufzubauen. Ich finde, das ist gut gelungen, ich danke Ihnen für Ihren Anteil dafür und dafür, dass ich mein Leben in Frieden, Freiheit, Sicherheit und relativem Wohlstand verbringen durfte.

Leider ist einigen Politikern, wie Herrn Präsident Trump, Herrn Erdogan, Herrn Putin die Demut vor den Werten der Menschenrechte, der Freiheit, der Solidarität und das Bewusstsein, wieviel Leid ein Krieg hervorbringen kann, verloren gegangen. Mit ihren Amerika First, oder Ich First spielen sie mit dem Feuer. Von daher finde ich es auch äußerst befremdlich, dass wir solche nationalen Alleingänge auch in Deutschland diskutieren, ihr Vertreter Minister Seehofer gegen unsere europaorientierte Kanzlerin.

Schon 1950 fordern Sie mit großem Weitblick in ihrer Charta, das das gleiche Recht als Staatsbürger nicht nur vor dem Gesetz, sondern auch in der Wirklichkeit des Alltags und der Arbeitswelt gelebt werden soll, und, Ich zitiere: die Völker müssen erkennen, dass das Schicksal der deutschen Heimatvertriebenen wie aller Flüchtlinge, ein Weltproblem ist, dessen Lösung höchste sittliche Verantwortung und Verpflichtung zu gewaltiger Leistung fordert, damit der Weg in eine bessere Zukunft gefunden wird.

Für mich gelten diese Forderungen auch für die Flüchtlinge, die heute aus Kriegs- und Krisengebieten zu uns kommen und ich stelle mir die Frage inwieweit wir unserer sittlichen Verantwortung und Verpflichtung gerecht werden, wenn wir uns z.B. gegen Familienzusammenführungen aussprechen oder uns weigern Ländern Flüchtlinge abzunehmen, bei denen an den langen Küsten viele ankommen, z.B. Italien, Griechenland und Spanien. Die Dublinabkommen erlauben das, aber für „höchste sittliche Verantwortung ist hier meiner Meinung nach noch Luft nach oben. Der Fall des eisernen Vorhangs und die Osterweiterung der EU hat die Landkarte Europas erheblich verändert.

In den Jahren 2004, 2007 und 2013 erfuhr die Europäische Union eine grundlegende Erweiterung nach Ost- und Südosteuropa, die entscheidend dazu beitrug, die durch Totalitarismus und Krieg hervorgerufene Spaltung Europas zu überwinden. Europa bietet uns heute wieder die Möglichkeit, unsere ehemalige Heimat zu besuchen. Die Öffnung von Archiven und Bibliotheken sowie vielfältige, grenzübergreifende Initiativen auf zivilgesellschaftlicher Ebene haben der Beschäftigung mit deutscher Kultur und Geschichte im östlichen Europa ganz neue Möglichkeiten eröffnet.

Immer mehr, gerade auch junge Menschen im östlichen Europa beginnen, sich für ihre Geschichte in ihrer Vielschichtigkeit zu interessieren. Das deutsche Kulturerbe wird so zu einem verbindenden Element für ein gemeinschaftliches Europa der Kulturen; seine Förderung ist ein Beitrag zur kulturellen Identität Deutschlands und Europas. Das friedliche Miteinander der Völker Europas ist jedoch kein Selbstläufer, sondern erfordert aktive politische Gestaltung. Die Regierungsparteien haben sich darum im Koalitionsvertrag aus dem Jahr 2013 auf die Weiterentwicklung der Förderkonzeption auf der Grundlage des § 96 Bundesvertriebenengesetz „mit dem Ziel verstärkter europäischer Integration“ verständigt.

Sie sehen und hören, ich bin eine überzeugte Vertreterin für Europa, weil mir klar ist, dass wir uns ohne eine europäische Einbindung niemals so hervorragend hätten entwickeln können, wirtschaftlich, aber auch in Frieden und Freiheit. Aber ich bin auch der Meinung, dass alle Menschen eine Heimat brauchen. Weltoffenheit, einen Bezug zu Europa und Heimatliebe widersprechen sich in meinen Augen nicht.

Im Gegenteil, wir brauchen einen geborgenen Rahmen, einen Wohlfühlort, Freunde und Familie, als Lebensbasis, physisch und psychisch. Dann haben wir auch das Selbstbewusstsein und die Basis, anderen Ländern, Kulturen und Menschen ohne Angst zu begegnen. Diese Heimat, diese Basis geben Sie Ihren Mitgliedern und Freunden. Dafür danke ich Ihnen. Um unser Kulturgut zu erhalten, in Museen, in Bräuchen, auch kulinarisch brauchen wir wiederum einen Rahmen, der uns Frieden, Freiheit, Sicherheit, Wohlstand und Toleranz bietet. Dieser Rahmen ist für mich Europa – ein Europa der Regionen und ein Europa der Kulturen.

Auch mich holt die Frage der Herkunft immer wieder ein. Vor kurzem hielt ich einen Vortrag im Rahmen einer Reihe über die Philosophie von Präsident Macron, der geprägt wurde von einem Philosophen namens Ricoeur, das war übrigens der Mädchenname meiner Mutter. So verbindet sich Europa auch in mir – von Frankreich über Preußen bis Schlesien nach Baden-Württemberg und hier her.“

Pressebeitrag der Schwäbischen Zeitung, Bad Saulgau vom 27.06.2018:

Verwandte Artikel

Kommentar verfassen

Artikel kommentieren


* Pflichtfeld

Mit der Nutzung dieses Formulars erklären Sie sich mit der Speicherung und Verarbeitung Ihrer Daten durch diese Website einverstanden. Weiteres entnehmen Sie bitte der Datenschutzerklärung.