Das Alter der noch praktizierenden Ärzte sowie der demographischen Wandel und die damit noch größere Anzahl zu erwartender Patienten im Landkreis Sigmaringen wird den Ärztemangel in den kommenden Jahren noch weiter verschärfen.

Ärzteversorgung im Landkreis Sigmaringen

Liebe Leser*innen, Mitte Oktober habe ich mich vor dem Hintergrund des sich verschärfenden Ärztemangels im Landkreis Sigmaringen mit einem offenen Brief an die Kassenärztliche Vereinigung Baden-Württemberg (KVBW) gewandt. Mittlerweile liegt mir die Antwort von Herrn Dr. Fechner (KVBW) vor – Sie können sie unten nachlesen.

Das Alter der noch praktizierenden Ärzte sowie der demographischen Wandel und die damit noch größere Anzahl zu erwartender Patienten im Landkreis Sigmaringen wird den Ärztemangel in den kommenden Jahren noch weiter verschärfen. Deshalb ist es von großer Bedeutung, die Attraktivität des Landkreises Sigmaringen zu stärken. Denn nicht selten wird eine Entscheidung für eine Praxis im ländlichen Raum dadurch geleitet, welche Infrastruktur, insbesondere an Kitas, Schulen oder dem ÖPNV-Angebot, vorhanden ist.

Des Weiteren halte ich es für notwendig, dass die medizinische Versorgung nicht nur auf ein Standbein – die Ärzteschaft – gestellt wird. Ein gesunder Mix an Gesundheitsberufen, die ihre unterschiedlichen Kompetenzen einbringen, ist auch bei uns sinnvoll, um den Menschen ein gutes breites medizinisches Angebot zu unterbreiten.

Dies unterstütze ich als Landtagsabgeordnete auf allen Ebenen. Auch bleibe ich weiterhin mit Herrn Dr. Fechner im intensiven Austausch, damit ich jede Chance, die sich bieten sollte, für unseren Kreis nutzen kann.

Andrea Bogner-Unden MdL

Antwort Herr Dr. Fechner vom 29. Oktober 2019:


Datum: 29. Oktober 2019 um 10:30:57 MEZ
An: „Bogner-Unden, Andrea (WK)“
Betreff: WG: offener Brief | Ärzteversorgung im Landkreis Sigmaringen

Sehr geehrte Frau Abgeordnete Bogner-Unden,

im Nachgang zu unserem Gespräch vor zwei Wochen erlauben Sie mir, die aktuelle Versorgungsituation in Zahlen darzustellen:

Die KVBW ist bei der Ermittlung des Standes der ärztlichen Versorgung an die Vorgaben der Bedarfsplanungsrichtlinie des Gemeinsamen Bundesausschusses gebunden. Diese legt fest, dass für die hausärztliche Versorgung der Mittelbereich in der Abgrenzung des Bundesinstituts für Bau-, Stadt- und Raumforschung als Planungsbereich herangezogen wird. Ärzten, die sich niederlassen, steht es frei zu wählen, wo sich diese innerhalb des Planungsbereichs ansiedeln möchten. Der Landkreis Sigmaringen setzt sich aus den Mittelbereichen Bad Saulgau, Sigmaringen und Pfullendorf zusammen. Drei Mal im Jahr stellt der Landesausschuss anhand der bundesweiten Vorgaben die aktuelle ärztliche Versorgung in Baden-Württemberg fest (zuletzt am 23.10.2019). Für die Berechnung des sogenannten Versorgungsgrades werden die an der vertragsärztlichen Versorgung teilnehmenden Ärzte im jeweiligen Mittelbereich ins Verhältnis gesetzt zu den dort lebenden Einwohnern. Ein Hausarzt soll grundsätzlich 1.609 Einwohner versorgen. Folgenden Versorgungsstand hat der Landesausschuss am 23.10.2019 erhoben:

Mittelbereich Stellenzahl Hausärzte Versorgungsgrad Niederlassungsmöglichkeiten bis zur Sperrung
Pfullendorf 19 89,4% 4,5
Sigmaringen 42,3 107,6% 1
Bad Saulgau 22,25 92,9% 4,5

Planungsbereich für die allgemeine fachärztliche Versorgung (sog. Grundversorger) ist der Stadt- bzw. Landkreis. Folgenden Versorgungsstand hat der Landesausschuss für Fachärzte im Landkreis Sigmaringen am 23.10.2019 erhoben:

Arztgruppe Versorgungsgrad Niederlassungsmöglichkeiten bis zur Sperrung
Augenärzte 113%
Chirurgen und Orthopäden 119,2%
Frauenärzte 111,0%
HNO-Ärzte 100,4% 0,5
Hautärzte 63,0% 1,5
Kinderärzte 89,7% 2
Nervenärzte 89,0% 1,5
Psychotherapeuten 133,7%
Urologen 127,5%

Auf unserer Homepage kann der Stand der Bedarfsplanung inklusive der Planungsblätter verfolgt werden: https://www.kvbawue.de/praxis/vertraege-recht/bekanntmachungen/landesausschuss/

Sie sprechen konkret die hausärztliche Versorgung in den Gemeinden Meßkirch, Mengen, Bad Saulgau und Ostrach an, sodass wir uns die dortige Versorgungssituation noch genauer angeschaut und für Sie zusammengefasst haben:

Gemeinde Mittelbereich Einwohner Stellenzahl Hausärzte Anteil Ärzte über 60
Messkirch Pfullendorf 7,25 6,75 29,6%
Mengen Sigmaringen 9,00 9,25 55,6%
Bad Saulgau Bad Saulgau 11,00 11 18,2%
Ostrach Bad Saulgau 3,00 3 33,3%

Der KVBW ist bewusst, dass viele Regionen auf einen (haus-)ärztlichen Mangel zusteuern oder dieser bereits eingetreten ist. Das Durchschnittsalter der baden-württembergischen Hausärzte liegt aktuell bei 56,1 Jahren. Es ist leider nicht mehr selbstverständlich, dass heutzutage jede Praxis übernommen oder fortgeführt wird. Es gibt zwar einen Zuwachs an Ärzten pro Jahr, die Anzahl der Versorgungsaufträge nimmt aber ab. Die Herausforderung, junge Ärzte für die Selbständigkeit zu gewinnen wird immer schwieriger.

Sofern Bürger keinen Hausarzt finden, der sie versorgt, können sie sich an die Terminservicestelle (TSS) wenden. Diese ist unter der Rufnummer 0711/7875-3966 erreichbar und vermittelt Behandlungstermine bei Hausärzten in der Region, sofern der TSS entsprechende Termine zur Verfügung stehen. Unter dieser Voraussetzung besteht auch die Möglichkeit, über die Terminservicestelle dauerhafte Behandlungsplätze zu erhalten.

Um dem Ärztemangel entgegenzuwirken hat die KVBW bereits vor vier Jahren das Förderprogramm „Ziel und Zukunft“ ins Leben gerufen, mit dem ärztliche Niederlassungen und Kooperationen gefördert werden. Das Förderprogramm wird kontinuierlich und sukzessive erweitert und angepasst. Es gibt mehrere Förderkategorien (Versorgungsgrad, Alter der Ärzte, Größe der Gemeinde etc.). In manchen dieser Kategorien wird die derzeitige Versorgung, in anderen wird die perspektivische Versorgung betrachtet und ausgewertet. Dabei wird z. B. die Altersstruktur der Ärzte in den Regionen berücksichtigt, um den zukünftigen Bedarf zu analysieren. Näheres erfahren Sie unter: https://www.kvbawue.de/zuz-ziel-und-zukunft/.

Folgende Fördergebiete gibt es derzeit im Landkreis Sigmaringen:

Hausärzte:

In der Gemeinde Herdwangen-Schönach im Mittelbereich Pfullendorf gibt es einen Förderplatz.

Fachärzte:

Hautärzte: Im Landkreis Sigmaringen gibt es einen Förderplatz.

Kinderärzte: Im Landkreis Sigmaringen gibt es einen Förderplatz.

Nervenärzte: Im Landkreis Sigmaringen gibt es einen Förderplatz.

Im nächsten Schritt werden wir eine Befragung der Hausärzte in den von Ihnen genannten Gemeinden durchführen, um deren Planungen für ihre Nachfolgeregelungen zu erfahren.

Wir danken Ihnen für Ihr Engagement, die ärztliche Versorgung im Landkreis Sigmaringen zu sichern und zu unterstützen. Sofern die Stadtverwaltung oder ansässige Ärzte es wünschen, stehen unsere Niederlassungsberater unter kooperationen@kvbawue.de bzw. unser Kommunalservice unter kommunalservice@kvbawue.de für ein persönliches Gespräch gerne zur Verfügung.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. med. Johannes Fechner
Stv. Vorsitzender des Vorstandes Kassenärztliche Vereinigung Baden-Württemberg
Albstadtweg 11
70567 Stuttgart

Kommentar verfassen

Artikel kommentieren


* Pflichtfeld

Mit der Nutzung dieses Formulars erklären Sie sich mit der Speicherung und Verarbeitung Ihrer Daten durch diese Website einverstanden. Weiteres entnehmen Sie bitte der Datenschutzerklärung.

Verwandte Artikel