„Ich habe einen Traum“ – die Welt nach Corona.

-Ein Essay von Andrea Bogner-Unden-

Die Welt, wie wir sie kennen, löst sich gerade auf. 

„Es gibt historische Momente, in denen die Zukunft ihre Richtung ändert.“ (Matthias Horx)

Eine neue Welt fügt sich zusammen, deren Richtung ich mir folgendermaßen erträume:

1. Die sozialen Verzichte, die wir jetzt leisten müssen, werden selten zu Vereinsamung führen. Im Gegenteil, nach einer ersten Schockstarre werden viele sich erleichtert fühlen, dass das Rennen, das Reden, das Kommunizieren auf Multikanälen plötzlich zu einem Halt kam.

Die Verzichte werden nicht von allen Menschen unbedingt als Verluste gedeutet, sondern sie werden für die meisten Menschen neue Möglichkeitsräume eröffnen. Wir werden alte Freunde wieder häufiger kontaktieren, locker gewordene Bindungen stärken, mit Familien, Nachbarn, Freunden näher rücken.

2. Die gesellschaftliche Höflichkeit, die wir zunehmend vermissen, wird wieder ansteigen. Die Massen-Wut-Pöbeleien werden verschwinden.

3. Die Kulturtechniken des Digitalen werden sich in der Praxis bewähren. Tele- und Videokonferenzen werden sich als praktikabel und produktiv herausstellen, Lehrer lernen eine Menge über Internet-Teaching und Home-Office wird für viele Arbeitnehmer zu einer Selbstverständlichkeit.

4. Die Menschen, die bisher vor lauter Hektik nie zur Ruhe kamen, auch junge Menschen, werden plötzlich ausgiebige Spaziergänge machen, Bücher lesen und man wird wieder Zeit haben für Langtelefonate und intensive Gespräche. Man kommuniziert wieder wirklich, in einer neuen Kultur der Erreichbarkeit und Verbindlichkeit.

5. Wir werden andere Schwerpunkte legen, Reality Shows werden plötzlich grottenpeinlich wirken, und Diskussionen über Political Correctness und die vielen „Kulturkriege“ werden als unwichtig eingestuft.

6. Zynismus wird out sein, diese lässige Art, sich die Welt durch Abwertung anderer vom Leibe zu halten, wird plötzlich reichlich out sein – genauso wie die Übertreibungen und Hysterien in den Medien und die unendlichen, grausamen Krimiserien und Katastrophenfilme.

7. Das Verhältnis zwischen Technologie und Kultur wird sich verschieben. Wir werden sehen, dass Technologie nicht das Allheilmittel ist:

Veränderungen unserer sozialen Verhaltensformen hin zu mehr Empathie, Mitmenschlichkeit und Solidarität werden entscheidend sein, um die jetzigen radikalen Einschränkungen überstehen zu können. Nicht die viel gepriesene künstliche Intelligenz, sondern unsere human – soziale Intelligenz wird uns über Corona hinweghelfen.

8. Die Ökonomie wird massiv schrumpfen, aber es wird keinen vollständigen Zusammenbruch geben. Wir werden darüber staunen, in welchem Maße das möglich sein wird, wo doch vorher bei jeder noch so kleinen Steuererhöhung und jedem staatlichen Eingriff ein solcher „Zusammenbruch“ beschwört wurde.

Doch die Wirtschaft wird sich wieder erholen und es wird wieder eine Weltwirtschaft geben, aber die globale „Just In Time“-Produktion, mit riesigen, verzweigten Wertschöpfungsketten, bei denen Millionen Einzelteile über den Planeten gekarrt werden, wird sich überlebt haben.

Im Augenblick wird sie gerade demontiert und neu konfiguriert.
Überall in den Produktionen und Service-Einrichtungen wachsen wieder Zwischenlager, Depots und Reserven, ortsnahe Produktionen boomen (Atemschutzmasken von der Schwäbischen Alb), Netzwerke werden lokalisiert, das Handwerk erlebt eine Renaissance. Es wird eine Lokalisierung des Globalen eintreten. Regionale Vermarktung, regionale Produkte und regionale Produktion bekommen neue Bedeutung.

Im Jahr 2020 wird der CO2 Ausstoß der Menschheit zum ersten Mal fallen! Das wäre weltweit mit politischen Maßnahmen in dieser Größenordnung niemals möglich gewesen.

9. Politische Parteien – wie die AfD – werden ernsthafte Zerfalls-erscheinungen bekommen, weil eine bösartige, spaltende Politik nicht zu einer Corona-Welt passt, und weil deutlich wird, dass diejenigen, die Menschen gegeneinander aufhetzen wollen, zu echten Zukunftsfragen nichts beizutragen haben. Wenn es ernst wird, wird das Zerstörerische und Destruktive deutlich, dass im Populismus wohnt.

10. Die Politik wird durch diese Krise eine neue Glaubwürdigkeit erhalten. Denn sie muss stringent handeln und wird durch ein Eingrenzen der Krise ihre Sinnhaftigkeit unter Beweis stellen und neues Vertrauen in der Gesellschaft erhalten.

11. Die Wissenschaft wird eine erstaunliche Renaissance erleben, jetzt schon sind Virologen und Epidemiologen unsere Medienstars.

Fake News hingegen werden rapide an Marktwert verlieren. Auch Verschwörungstheorien werden plötzlich zu Ladenhütern, denn allen Menschen wird klar, dass Destruktives und Unwissenschaftliches keine Beiträge zur Lösung der Probleme bieten.

12. Der Virus wirkt als Evolutionsbeschleuniger im Rahmen unserer internationalen Verbindungen. Durch die Unterbrechung der Globalisierung, die Grenzschließungen, die Abschottungen und die Quarantänen, wird es nicht zu einer Kappung aller Verbindungen kommen, sondern zu einer Neuorganisation, die unsere Welt zusammenhalten und in die Zukunft tragen wird. Die Krise zeigt gnadenlos auf, wo Zusammenarbeit nur aus Worthülsen bestanden hat, und wird diese Bereiche hinter sich lassen. Es wird zu einem Phasensprung in der Entwicklung der sozioökonomischen Systeme kommen. Nähe und Distanz, Autonomie und Abhängigkeit, Öffnung und Schließung werden neu ausbalanciert werden. Dadurch kann die Welt komplexer zugleich aber auch stabiler werden.

13. Die Menschen werden durch Corona ihre gesamte Einstellung gegenüber dem Leben verändern und anpassen. Und zwar im Sinne einer Existenz als Lebewesen inmitten anderer Lebensformen. Die Begriffe Artenvielfalt, Nachhaltigkeit, Ressourcen-Effizienz geraten viel stärker in den Mittelpunkt unseres Bewusstseins.

Mein Resümee:

Die Corona Krise wird keine Apokalypse, sondern ein Neuanfang sein. Nach geglückter Angstüberwindung wird die Welt wieder jung und frisch. Wir werden wieder voller Tatendrang sein. Der Bruch mit den Routinen, dem Gewohnten, gibt Raum für einen Wandel, den politische Entscheidungen oder gesellschaftliche Bewegungen, wie Fridays for Future, allein nicht erreicht hätten.

Könnte es sein, dass der Virus unser Leben in eine Richtung ändert, in die es sich sowieso verändern wollte?

Könnte es sein, dass der Virus nur ein Sendbote aus der Zukunft ist, dessen drastische Botschaft lautet: Die menschliche Zivilisation ist zu dicht, zu schnell und zu überhitzt geworden und rast in eine Richtung, in der es keine Zukunft gibt?

Lasst uns diese Krise als Chance sehen. Lasst uns die Zeit nutzen, durchatmen, träumen, umlenken, neue Ziele setzen, damit wir mit aller Kraft unsere Zukunft gestalten!

Quelle: kress.de – mit Gedanken von Zukunftsforscher Matthias Horx

Eure Andrea

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